Revidierter Geneva-Score (vereinfacht)
Klinische Vortestwahrscheinlichkeit einer Lungenembolie, ein Punkt pro Kriterium
- ESC 2019 PE guideline
- AWMF S2k VTE 2023
- Geneva (CH) / Leiden (NL)
Quellen zuletzt geprüft: 2026-10-13
Revidierter Geneva-Score (vereinfacht)
Klinische Vortestwahrscheinlichkeit einer Lungenembolie, ein Punkt pro Kriterium
Vereinfachte Version: Herzfrequenz ≥ 95/min zählt 2, alle anderen Kriterien 1 Punkt. Nicht mit dem gewichteten Original-Score (0–3 / 4–10 / ≥ 11) vermischen. 2-stufige Bewertung: 0–2 LE unwahrscheinlich, ≥ 3 LE wahrscheinlich. Nur bei hämodynamisch stabilen Patienten.
Interpretation
| 0–1 — niedrige klinische Wahrscheinlichkeit | 2-stufig: LE unwahrscheinlich (0–2). Im ESC-Algorithmus 2019 folgt als nächster Schritt die D-Dimer-Bestimmung; normwertige D-Dimere schließen eine LE ohne Bildgebung aus. |
|---|---|
| 2–4 — mittlere klinische Wahrscheinlichkeit | 2-stufig: 2 = LE unwahrscheinlich, 3–4 = LE wahrscheinlich. Bei nicht-hoher Wahrscheinlichkeit schließen normwertige D-Dimere eine LE aus; andernfalls sieht der ESC-Algorithmus 2019 die CTPA vor. |
| ≥ 5 — hohe klinische Wahrscheinlichkeit | LE wahrscheinlich. ESC 2019 sieht in dieser Gruppe als nächsten diagnostischen Schritt die CTPA vor; D-Dimere dienen hier nicht zum Ausschluss. |
Was ist der Revidierter Geneva-Score (vereinfacht)?
Der revidierte Geneva-Score schätzt die Vortestwahrscheinlichkeit einer Lungenembolie allein aus Anamnese und klinischem Befund — ohne subjektives Kriterium. Le Gal und Kollegen entwickelten 2006 die gewichtete Version an Notaufnahmepatienten in Genf; Klok und Kollegen zeigten 2008 an 1049 Patienten aus zwei europäischen Managementstudien, dass ein Punkt pro Kriterium (zwei für Herzfrequenz ≥ 95/min) die Aussagekraft nicht verschlechtert.
Wann wird er eingesetzt?
- Hämodynamisch stabile Patienten mit Verdacht auf akute LE, vor D-Dimer-Test oder CTPA.
- Wenn ein vollständig objektiver Score ohne die Frage „LE wahrscheinlichste Diagnose?“ gewünscht ist.
- Zur Entscheidung, ob normwertige D-Dimere eine LE ausschließen können (nicht-hohe Wahrscheinlichkeit) oder direkt eine Bildgebung nötig ist.
- In Kombination mit dem altersadjustierten D-Dimer-Grenzwert bei Patienten über 50 Jahre.
Wann nicht?
- Hämodynamisch instabile Patienten (Schock, Hypotonie) — für die vermutete Hochrisiko-LE sieht ESC 2019 einen eigenen Algorithmus vor (Echokardiografie am Krankenbett bzw. CTPA).
- Schwangerschaft, für die angepasste Algorithmen existieren.
- Patienten unter therapeutischer Antikoagulation, bei denen Score und D-Dimere nicht validiert sind.
So wird berechnet
| Kriterium | Punkte |
|---|---|
| Alter > 65 Jahre | +1 |
| TVT oder LE in der Vorgeschichte | +1 |
| Operation (Allgemeinanästhesie) oder Fraktur der unteren Extremität im letzten Monat | +1 |
| Aktive Tumorerkrankung (solide oder hämatologisch; aktiv oder seit < 1 Jahr als geheilt betrachtet) | +1 |
| Einseitiger Beinschmerz | +1 |
| Hämoptysen | +1 |
| Herzfrequenz | |
| < 75/min | 0 |
| 75–94/min | 1 |
| ≥ 95/min | 2 |
| Druckschmerz im Verlauf der tiefen Beinvenen und einseitiges Ödem | +1 |
Praxistipps und Grenzen
- Vereinfachte Version: Herzfrequenz ≥ 95/min zählt 2, alle anderen Kriterien 1 Punkt. Nicht mit dem gewichteten Original-Score (0–3 / 4–10 / ≥ 11) vermischen. 2-stufige Bewertung: 0–2 LE unwahrscheinlich, ≥ 3 LE wahrscheinlich. Nur bei hämodynamisch stabilen Patienten.
- Einzig die Herzfrequenz ist abgestuft: < 75/min 0, 75–94/min 1, ≥ 95/min 2 Punkte.
- Es gibt eine 3-stufige (0–1 niedrig, 2–4 mittel, ≥ 5 hoch) und eine 2-stufige Bewertung (0–2 unwahrscheinlich, ≥ 3 wahrscheinlich) — pro Algorithmus nur eine verwenden.
- Das Beinkriterium verlangt Druckschmerz der tiefen Venen und einseitiges Ödem; einseitiger Beinschmerz allein ist ein eigenes Kriterium.
- Durch die standardisierten Kriterien ist der Score gut zwischen Untersuchern reproduzierbar.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen originalem und vereinfachtem Geneva-Score?
Das Original gewichtet die Kriterien mit 1 bis 5 Punkten (Grenzen 0–3, 4–10, ≥ 11). Die vereinfachte Version vergibt je 1 Punkt, nur Herzfrequenz ≥ 95/min zählt 2, mit den Grenzen 0–1, 2–4 und ≥ 5. Die diagnostische Genauigkeit war bei Klok 2008 gleich.
Geneva- oder Wells-Score bei Lungenembolie?
Beide werden von ESC 2019 und AWMF 2023 empfohlen und sind vergleichbar. Geneva ist vollständig objektiv, Wells enthält das subjektive Kriterium „LE wahrscheinlicher als Alternativdiagnose“. Maßgeblich ist der lokale Algorithmus.
Schließt ein niedriger Geneva-Score allein eine LE aus?
Nein. Erst die Kombination aus niedriger bzw. mittlerer Wahrscheinlichkeit und normwertigen D-Dimeren erlaubt den Ausschluss ohne Bildgebung.
Evidenz und Leitlinien
- Primärquelle: Klok FA et al. Simplification of the revised Geneva score for assessing clinical probability of pulmonary embolism. Arch Intern Med 2008;168(19):2131-2136.
- Le Gal G et al. Prediction of pulmonary embolism in the emergency department: the revised Geneva score. Ann Intern Med 2006;144(3):165-171.
- ESC 2019 acute PE guideline, Table 5 (original and simplified revised Geneva rule; three-level and two-level cut-offs).
- AWMF S2k 065-002 (2023), Tab. 3.2 and Empfehlung 3.2.
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