M2, M3, Famulatur und PJ: evidenzbasiert lernen – mit Blick auf Österreich und die Schweiz

Staatsexamen nach ÄApprO (M1, M2, M3), Famulatur, PJ, KPJ in Österreich und Eidgenössische Prüfung: Fakten zum Ablauf und Lernstrategien mit Evidenz.

Von Medelix RedaktionVeröffentlicht: 6 Min. Lesezeit

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Zwischen Physikum und Approbation liegen in Deutschland mehrere Jahre, drei Prüfungsabschnitte, vier Monate Famulatur und ein Praktisches Jahr. Wer weiß, was die Approbationsordnung genau verlangt, und wer mit Methoden lernt, deren Wirkung belegt ist, spart Zeit und Nerven. Dieser Leitfaden fasst beides zusammen: zuerst die Rahmenbedingungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, danach Lernstrategien, die in Studien tatsächlich besser abschneiden.

Deutschland: Was die ÄApprO vorschreibt

Grundlage ist die Approbationsordnung für Ärzte (ÄApprO) von 2002. Sie sieht ein Studium von sechs Jahren mit 5.500 Stunden vor, einschließlich eines Praktischen Jahres von 48 Wochen. Hinzu kommen eine Ausbildung in Erster Hilfe, ein dreimonatiger Krankenpflegedienst, eine viermonatige Famulatur und die Ärztliche Prüfung in drei Abschnitten. Die Regelstudienzeit beträgt sechs Jahre und drei Monate.

Die drei Prüfungsabschnitte im Überblick

AbschnittZeitpunktForm
Erster Abschnitt (M1, „Physikum“)nach zwei Studienjahrenschriftlich an zwei Tagen mit je vier Stunden plus mündlich-praktisch in Anatomie, Biochemie/Molekularbiologie und Physiologie
Zweiter Abschnitt (M2)nach drei weiteren Studienjahrenschriftlich: 320 Fragen im Antwort-Wahl-Verfahren an drei aufeinanderfolgenden Tagen mit je fünf Stunden, fallbezogen
Dritter Abschnitt (M3)nach dem PJmündlich-praktisch an zwei Tagen, höchstens vier Prüflinge, je Prüfling 45–60 Minuten pro Tag; am ersten Tag mit Patientenvorstellung

Die schriftlichen Prüfungen erstellt das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP). Das M3 umfasst patientenbezogene Fragen aus Innerer Medizin, Chirurgie und dem Fach, das Sie im dritten PJ-Abschnitt absolviert haben. Geprüft werden unter anderem Anamnese, klinische Untersuchung und ärztliche Gesprächsführung.

Famulatur: vier Monate, vier Einsatzorte

Die Famulatur wird nach § 7 ÄApprO in den unterrichtsfreien Zeiten zwischen bestandenem M1 und dem M2 abgeleistet. Sie besteht aus vier Abschnitten von je einem Monat:

  1. in einer ärztlich geleiteten Einrichtung der ambulanten Krankenversorgung oder einer geeigneten Praxis,
  2. in einem Krankenhaus oder einer stationären Rehabilitationseinrichtung,
  3. in einer Einrichtung der hausärztlichen Versorgung,
  4. frei wählbar in einer der genannten oder einer anderen geeigneten Einrichtung, auch im öffentlichen Gesundheitsdienst.

Eine Famulatur im Ausland kann angerechnet werden, wenn sie in einer ambulanten Einrichtung oder einem Krankenhaus stattgefunden hat.

Praktisches Jahr: drei Tertiale à 16 Wochen

Das PJ beginnt nach bestandenem M2 jeweils in der zweiten Hälfte der Monate Mai und November. Es gliedert sich in drei Ausbildungsabschnitte von je 16 Wochen:

  • Innere Medizin,
  • Chirurgie,
  • Allgemeinmedizin oder ein anderes klinisch-praktisches Fach (Wahltertial).

Das PJ kann in Teilzeit mit 50 oder 75 % der wöchentlichen Ausbildungszeit absolviert werden. Die Gesamtdauer verlängert sich dann entsprechend. Die Universität legt die Ausbildungsinhalte in einem Logbuch fest.

Reform der Approbationsordnung: Stand Oktober 2026

Seit Jahren wird eine neue ÄApprO auf Grundlage des „Masterplans Medizinstudium 2020“ vorbereitet. Geplant sind unter anderem eine verbindliche Verankerung des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs Medizin (NKLM) und eine stärkere Rolle der Allgemeinmedizin. Im Mai 2026 berichtete das Deutsche Ärzteblatt, dass ein fertiger Referentenentwurf vorliegt. Die Umsetzung scheiterte aber weiterhin an der ungeklärten Finanzierung zwischen Bund und Ländern. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken kündigte auf dem 130. Deutschen Ärztetag an, die Reform in dieser Legislaturperiode angehen zu wollen.

Unabhängig davon hat das Bundesgesundheitsministerium 2026 einen Verordnungsentwurf mit Änderungen für das PJ vorgelegt. Vorgesehen sind bis zu zehn zusätzliche, ärztlich attestierte Krankheitstage und der Wegfall der Deckelung der Aufwandsentschädigung auf den BAföG-Höchstsatz. Dieser Entwurf war bei Redaktionsschluss noch nicht in Kraft.

Praktisch heißt das: Bis auf Weiteres gilt die ÄApprO 2002 in ihrer aktuellen Fassung. Prüfen Sie vor wichtigen Planungsschritten den Stand bei Ihrem Landesprüfungsamt und im Gesetzestext.

Österreich: Klinisch-Praktisches Jahr (KPJ)

In Österreich ist Humanmedizin ein Diplomstudium. Das Gegenstück zum deutschen PJ heißt Klinisch-Praktisches Jahr (KPJ). An der Medizinischen Universität Wien findet es im 6. Studienjahr statt und umfasst 48 Wochen. Es ist in drei Tertiale zu je 16 Wochen gegliedert:

  • Tertial A: Innere Medizin,
  • Tertial B: chirurgische und perioperative Fächer,
  • Tertial C: Wahlfächer (ein Fach über 16 Wochen oder zwei Fächer zu je 8 Wochen; Allgemeinmedizin ist mit 8 oder 16 Wochen möglich).

Die MedUni Wien betont, dass eine reine Beobachterrolle nicht ausreicht. Gelernt wird an Patientinnen und Patienten unter Supervision, auf Station, in der Ambulanz oder in einer Lehrpraxis. Die Details regelt jede Universität im eigenen Curriculum. Graz, Innsbruck und Linz können also abweichen.

Schweiz: Eidgenössische Prüfung Humanmedizin

In der Schweiz schließt das Studium mit der Eidgenössischen Prüfung Humanmedizin ab. Sie besteht aus zwei Teilen:

  • einer schriftlichen, interdisziplinären Multiple-Choice-Prüfung, die in zwei Teilprüfungen aufgeteilt ist,
  • einer national einheitlichen, strukturierten praktischen Prüfung „Clinical Skills“ (CS) nach dem OSCE-Prinzip.

Zuständig ist die Medizinalberufekommission (MEBEKO), Ressort Ausbildung, beim Bundesamt für Gesundheit (BAG). Inhaltlicher Bezugsrahmen der Schweizer Fakultäten ist der Lernzielkatalog PROFILES.

Lernen mit Evidenz: Was wirklich wirkt

Die Rahmenbedingungen sind unterschiedlich, die Lernpsychologie ist dieselbe. Eine umfangreiche Übersichtsarbeit von Dunlosky und Kollegen hat zehn verbreitete Lerntechniken bewertet. Übungstests (practice testing) und verteiltes Lernen (distributed practice) erhielten als einzige die Bewertung „hoher Nutzen“. Markieren, Zusammenfassen und wiederholtes Lesen schnitten dagegen mit „geringem Nutzen“ ab.

1. Abrufen statt Wiederlesen (Testing-Effekt)

In einem klassischen Experiment von Roediger und Karpicke lernten Studierende Texte entweder durch wiederholtes Lesen oder durch Abruftests. Nach fünf Minuten lag das Wiederlesen vorn. Nach zwei Tagen und nach einer Woche erinnerten sich die getesteten Studierenden deutlich besser. Dabei fühlten sich die Wiederlesenden sicherer.

Das gilt auch in der Medizin. In einer randomisierten Studie mit Assistenzärztinnen und -ärzten in Pädiatrie und Notfallmedizin führten wiederholte Tests mit Feedback nach mehr als sechs Monaten zu 39 % richtigen Antworten, wiederholtes Lernen mit Zusammenfassungen zu 26 %.

Umsetzung:

  • Kreuzen Sie früh und regelmäßig Altfragen, nicht erst in den letzten Wochen vor dem M2.
  • Nutzen Sie offene Fragen und freies Erinnern („Nenne die Kriterien des CRB-65“). Laut Lernforschung bringen Fragen, die aktives Erinnern verlangen, mehr als reines Wiedererkennen.
  • Lesen Sie bei jeder falschen Antwort die Erklärung. Feedback ist entscheidend.

2. Verteilen statt Pauken (Spacing)

Eine Metaanalyse mit 839 Vergleichen aus 317 Experimenten zeigt: Verteilte Lerneinheiten schlagen massiertes Lernen. Je länger Sie etwas behalten wollen, desto größer sollten die Abstände zwischen den Wiederholungen sein. Für das M2 mit seinem riesigen Stoffumfang heißt das: Planen Sie Wiederholungsschleifen von Anfang an ein. Karteikarten-Software mit Wiederholungsalgorithmus setzt dieses Prinzip automatisch um.

3. Mischen (Interleaving) und Selbsterklären

Dunlosky und Kollegen bewerten das Mischen verschiedener Fragetypen, das Selbsterklären und das Nachfragen nach dem „Warum“ (elaborative interrogation) mit „mittlerem Nutzen“. Für Fallfragen ist das plausibel. Im Examen steht nicht „Kardiologie“ über der Frage, und das Unterscheiden zwischen Differenzialdiagnosen ist gerade die Kompetenz, die geprüft wird.

4. Leitlinien als Referenz, nicht als Lektüre

Im PJ und im M3 zählt, ob Ihr Vorgehen dem aktuellen Standard entspricht. Lesen Sie Leitlinien nicht von vorn bis hinten. Nutzen Sie sie gezielt:

  • AWMF-Register für deutschsprachige S3- und S2k-Leitlinien sowie die Nationalen VersorgungsLeitlinien (NVL),
  • ESC, ERS, ESCMID und andere europäische Fachgesellschaften für Kardiologie, Pneumologie und Infektiologie,
  • Kurzfassungen und Empfehlungstabellen als Lernmaterial für Prüfungsfälle.

Gute Übung für das M3: Stellen Sie einen Patienten aus Ihrem Tertial vor und begründen Sie jede Entscheidung mit der passenden Leitlinienempfehlung. Klinische Scores wie der CHA₂DS₂-VA-Score, der Wells-Score bei Lungenembolie oder die Glasgow Coma Scale kommen in Prüfungen häufig vor. Rechnen Sie sie an echten Fällen mehrfach durch. Eine Übersicht finden Sie unter klinische Rechner.

5. Famulatur und PJ als Lerngelegenheit nutzen

  • Fallbuch führen: Notieren Sie pro Tag einen Fall mit Leitsymptom, Differenzialdiagnosen und Leitlinienbezug. Für die M3-Vorbereitung ist das Gold wert.
  • Vorstellen üben: Die strukturierte Patientenvorstellung ist Teil des M3. Je öfter Sie sie auf Visite üben, desto ruhiger sind Sie in der Prüfung.
  • Lernziele kennen: In Deutschland beschreibt der NKLM, was am Ende des Studiums erwartet wird. In Österreich orientiert sich das KPJ am österreichischen Kompetenzlevelkatalog für ärztliche Fertigkeiten, in der Schweiz an PROFILES.

Ein realistischer Lernplan für das M2

PhaseSchwerpunktMethode
Während des klinischen Studiumsfächerweise Grundlagennach jedem Block Altfragen kreuzen, Karteikarten mit Wiederholungsalgorithmus
100 Tage vor dem M2Gesamtwiederholungtäglich Fragen gemischt kreuzen, Fehler analysieren, gezielt nachlesen
Letzte WochenSimulationganze Prüfungstage unter Zeitdruck kreuzen, Schwachstellen schließen
PJ bis M3AnwendungFallbuch, Patientenvorstellungen, Leitlinien zu „eigenen“ Fällen

Fazit

Die formalen Anforderungen sind in Deutschland durch die ÄApprO klar geregelt, auch wenn eine Reform seit Jahren aussteht. In Österreich und der Schweiz gelten eigene Strukturen. Beim Lernen selbst zeigt die Evidenz in dieselbe Richtung: früh und oft testen, Wiederholungen verteilen, Fragen mischen und sich jede Antwort selbst erklären. Leitlinien sind dafür das Nachschlagewerk, nicht die Bettlektüre.

Wenn Sie beim Kreuzen oder im PJ eine klinische Frage schnell mit Leitlinienbezug klären möchten, kann Medelix Antworten mit Quellenangaben liefern. Die Originalquelle prüfen Sie am besten trotzdem selbst.

Quellen

  1. Approbationsordnung für Ärzte (ÄApprO), §§ 1, 3, 7, 22, 23, 28, 30. gesetze-im-internet.de
  2. Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP). impp.de
  3. Deutsches Ärzteblatt. Medizinstudierende hoffen auf Reform des Studiums (13.05.2026). aerzteblatt.de
  4. Deutsches Ärzteblatt. Medizinstudium: Verbesserungen im Praktischen Jahr (Heft 12/2026). aerzteblatt.de
  5. Medizinische Universität Wien. Mitteilungsblatt 2015/16, Stück 34: Klinisch-Praktisches Jahr. PDF
  6. Medizinische Universität Wien. KPJ-Ausbildungsplan Tertial B, Chirurgische Fächer (2025). PDF
  7. Bundesamt für Gesundheit (BAG). Eidgenössische Prüfung in Humanmedizin. bag.admin.ch
  8. SMIFK-CIMS. PROFILES 2023. smifk-cims.ch
  9. Dunlosky J, Rawson KA, Marsh EJ, Nathan MJ, Willingham DT. Improving Students' Learning With Effective Learning Techniques. Psychol Sci Public Interest. 2013;14:4–58. doi:10.1177/1529100612453266
  10. Roediger HL, Karpicke JD. Test-enhanced learning: taking memory tests improves long-term retention. Psychol Sci. 2006;17:249–255. doi:10.1111/j.1467-9280.2006.01693.x
  11. Larsen DP, Butler AC, Roediger HL. Test-enhanced learning in medical education. Med Educ. 2008;42:959–966. doi:10.1111/j.1365-2923.2008.03124.x
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  14. AWMF-Leitlinienregister. register.awmf.org
  15. Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin (NKLM). nklm.de

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