Leitlinien schnell finden: AWMF, NVL, ESC & Co. – ein Leitfaden für Klinik und Studium

Wo finde ich die aktuelle Leitlinie? AWMF-Register, NVL, ESC, DEGAM sowie Quellen für Österreich und die Schweiz, dazu S1–S3 und Empfehlungsgrade erklärt.

Von Medelix RedaktionVeröffentlicht: 6 Min. Lesezeit

English · Türkçe

In der Fortbildung kommt eine Frage zur Antikoagulation, in der Famulatur fragt die Oberärztin, „was die Leitlinie sagt“, und vor der Prüfung soll man wissen, ob eine Empfehlung „soll“ oder „sollte“ heißt. Für all das braucht man in kurzer Zeit die richtige und aktuelle Leitlinie. Dieser Leitfaden zeigt die wichtigsten Anlaufstellen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und auf europäischer Ebene. Außerdem geht es darum, wie man Klassen, Empfehlungsgrade und Gültigkeitsdaten liest.

Erst die Frage, dann die Quelle

Bevor man sucht, sollte die Frage klar sein. Drei Punkte helfen dabei:

  • Versorgungsebene: Hausarztpraxis, Notaufnahme oder Spezialambulanz? Für die Hausarztpraxis sind oft DEGAM-Leitlinien oder NVL passender, für Spezialfragen die Leitlinien der europäischen Fachgesellschaften.
  • Land: Arzneimittelzulassung, Erstattung und Versorgungsstrukturen unterscheiden sich. Eine europäische Leitlinie beantwortet die medizinische Frage, aber nicht immer, was in Österreich erstattet wird.
  • Aktualität: Gibt es eine neuere Fassung oder ein „Focused Update“? Bei schnell wachsenden Feldern ist das oft entscheidend.

Deutschland: AWMF-Register

Das AWMF-Leitlinienregister (register.awmf.org) ist die zentrale Sammlung für Leitlinien der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland. Viele dieser Leitlinien entstehen gemeinsam mit österreichischen und Schweizer Gesellschaften. Ein Beispiel ist die S3-Leitlinie zur ambulant erworbenen Pneumonie von 2021: Sie wurde unter anderem mit der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie, der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin und der Schweizerischen Gesellschaft für Pneumologie erstellt [1].

Was S1, S2k, S2e und S3 bedeuten

Das „S“ beschreibt, wie systematisch eine Leitlinie entwickelt wurde [2, 3]:

KlasseEntwicklungWas das praktisch heißt
S1Eine repräsentativ zusammengesetzte Expertengruppe erarbeitet die Empfehlung im informellen KonsensSchnell erstellt, aber ohne systematische Evidenzrecherche und ohne formales Konsensverfahren
S2kFormaler Konsens (z. B. Konsensuskonferenz, nominaler Gruppenprozess, Delphi) in einer repräsentativen GruppeKeine schematischen Evidenz- und Empfehlungsgrade, weil keine systematische Evidenzaufbereitung zugrunde liegt
S2eSystematische Recherche, Auswahl und Bewertung der EvidenzEvidenzbasiert, aber ohne das formale Konsensverfahren einer S3-Leitlinie
S3Kombination aus systematischer Evidenzbasis und strukturiertem KonsensHöchste methodische Stufe im AWMF-System

Die Klasse sagt also etwas über die Methodik aus, nicht direkt über die Qualität jeder einzelnen Empfehlung. Auch eine S3-Leitlinie enthält Empfehlungen, die auf Expertenkonsens beruhen.

Gültigkeit prüfen

Nach dem AWMF-Regelwerk beträgt der maximale Gültigkeitszeitraum einer Leitlinie fünf Jahre ab Verabschiedung. Leitlinien, deren Gültigkeit abgelaufen ist und für die keine Aktualisierung angemeldet wurde, werden aus dem Register entfernt [4]. Für „Living Guidelines“ gilt ein Aktualisierungsintervall von höchstens zwölf Monaten [3]. Praktisch heißt das: Auf der Detailseite im Register immer auf Stand, „gültig bis“ und gegebenenfalls „in Überarbeitung“ achten.

Empfehlungsgrade: soll, sollte, kann

In evidenzbasierten deutschen Leitlinien wird die Stärke einer Empfehlung meist sprachlich ausgedrückt. Im Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien ist das Schema so festgelegt [5]:

FormulierungBedeutungGrad
soll / soll nichtstarke (Negativ-)EmpfehlungA
sollte / sollte nichtabgeschwächte (Negativ-)EmpfehlungB
kann erwogen werden / kann verzichtet werdenoffene Empfehlung0

Daneben wird die Konsensstärke angegeben, etwa „starker Konsens“ bei mehr als 95 % Zustimmung [5]. Für Prüfungen lohnt es sich, diese Sprache sicher zu lesen: Ein „sollte“ ist kein „soll“.

Nationale VersorgungsLeitlinien (NVL)

NVL sind sektorenübergreifende Leitlinien zu häufigen Erkrankungen. Aktuell gibt es sie zu Asthma, COPD, unipolarer Depression, Typ-2-Diabetes, chronischer Herzinsuffizienz, Hypertonie, KHK und nicht-spezifischem Kreuzschmerz [6]. Die NVL waren lange beim Ärztlichen Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) angesiedelt. Das ÄZQ wurde Ende 2024 aufgelöst. Seit dem Neustart im Oktober 2025 geben AWMF und das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) die NVL gemeinsam heraus. Bundesärztekammer, KBV und AWMF haben die Schirmherrschaft [6, 7].

Zu finden sind die NVL auf leitlinien.de und im AWMF-Register. Laut Methodenreport gelten nur die dort veröffentlichten Dokumente als autorisiert. Jede NVL ist maximal fünf Jahre gültig [5].

Allgemeinmedizin: DEGAM

Für hausärztliche Fragen lohnt sich ein Blick auf die Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (degam.de/leitlinien). Sie gehen häufiger auf typische Konsultationsanlässe, abwartendes Offenhalten und Überdiagnostik ein als viele fachspezifische Leitlinien.

Europäische Fachgesellschaften

Für viele klinische Fragen ist die europäische Leitlinie der eigentliche Referenzpunkt. Deutsche und österreichische Fachgesellschaften übernehmen diese oft oder kommentieren sie.

GebietQuelleHinweis
KardiologieESC (escardio.org/Guidelines)Volltexte im European Heart Journal; kostenlose ESC Pocket Guidelines App mit Algorithmen und Scores, auch offline [8]
PneumologieERS (ersnet.org/guidelines)Leitlinien und Statements der European Respiratory Society
InfektiologieESCMID (escmid.org)Veröffentlichte Leitlinien der europäischen Fachgesellschaft für klinische Mikrobiologie und Infektiologie
HepatologieEASL (easl.eu)Clinical Practice Guidelines zu Lebererkrankungen
SchlaganfallESO (eso-stroke.org)Verzeichnis der Leitlinien der European Stroke Organisation
NephrologieKDIGO (kdigo.org/guidelines)International, in Europa breit genutzt
QuerschnittNICE (nice.org.uk/guidance)Britisch und an das NHS gebunden, aber methodisch transparent und gut als Vergleich

ESC-Klassen und Evidenzgrade lesen

ESC-Leitlinien geben zu jeder Empfehlung eine Klasse und einen Evidenzgrad an [9]:

  • Klasse I: Evidenz und/oder allgemeine Übereinstimmung, dass eine Maßnahme nützlich und wirksam ist.
  • Klasse IIa: Widersprüchliche Evidenz, das Gewicht spricht aber für den Nutzen.
  • Klasse IIb: Nutzen weniger gut belegt.
  • Klasse III: Nicht nützlich oder wirksam, möglicherweise schädlich.
  • Evidenzgrad A beruht auf mehreren randomisierten Studien oder Metaanalysen, B auf einer randomisierten Studie oder großen nicht randomisierten Studien, C auf Expertenkonsens, kleinen oder retrospektiven Studien und Registern.

Eine Auswertung von 50 ESC-Leitlinien aus den Jahren 2011 bis 2022 ergab, dass nur rund 15 % der Empfehlungen auf Evidenzgrad A beruhten, aber mehr als die Hälfte auf Grad C [9]. Eine Klasse-I-Empfehlung ist also nicht automatisch durch große randomisierte Studien gestützt. Gerade in Prüfung und Visite lohnt der Blick auf beide Angaben.

Österreich

Österreich hat kein eigenes Register, das dem AWMF-Register entspricht. Für die Suche helfen folgende Wege:

  • Gemeinsame AWMF-Leitlinien: Viele S3- und S2k-Leitlinien entstehen mit österreichischen Fachgesellschaften und gelten damit ausdrücklich auch für Österreich, etwa die Pneumonie-Leitlinie [1] oder die Antibiotic-Stewardship-Leitlinie [10].
  • Bundesqualitätsleitlinien (BQLL): Auf Grundlage des Gesundheitsqualitätsgesetzes werden bundesweite Qualitätsstandards entwickelt, fachlich begleitet von der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) [11]. Ein Beispiel ist die BQLL Präoperative Diagnostik, beschlossen von der Bundes-Zielsteuerungskommission [12]. Auch hier lohnt der Blick auf die Gültigkeit: Diese BQLL war laut Dokument bis November 2025 verlängert [12].
  • Evidenzbasiertes Ärzteinformationszentrum: Das Projekt von Cochrane Österreich an der Universität für Weiterbildung Krems beantwortet Anfragen von Ärztinnen und Ärzten mit Rapid Reviews und bietet einen „Leitlinien-Check“ an (ebminfo.at) [13].
  • EbM-Guidelines für Allgemeinmedizin: Eine Sammlung kurzer Praxisempfehlungen, die in einer deutsch-österreichischen Fassung erscheint (ebm-guidelines.de).

Ein häufiger Irrtum betrifft die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK). Sie gibt keine medizinischen Leitlinien heraus. Für die Verordnung zählen der Erstattungskodex (EKO), den der Dachverband der Sozialversicherungsträger veröffentlicht, und die Richtlinien über die ökonomische Verschreibweise (RöV) [14]. Diese Regeln sagen, was erstattet wird und unter welchen Bedingungen. Sie sagen nicht, was medizinisch empfohlen ist. Beide Fragen gehören in der Praxis zusammen, sollten aber nicht verwechselt werden.

Schweiz

  • Guidelines Schweiz (guidelines.fmh.ch): Eine von der FMH bzw. der SAQM betreute Plattform, auf der sich Schweizer Leitlinien nach Fachgebiet, Erkrankung und Patientengruppe filtern lassen. Sie enthält Leitlinien vieler Organisationen, etwa der Schweizerischen Gesellschaft für Kardiologie oder des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Zürich [15].
  • SSI-Guidelines (ssi.guidelines.ch): Die Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie bündelt hier ihre Empfehlungen zu Diagnostik, Therapie und Prävention von Infektionen [16].
  • smarter medicine (smartermedicine.ch): Die Schweizer Choosing-Wisely-Initiative mit Sitz bei der SGAIM veröffentlicht „Top-5-Listen“. Jede Liste nennt fünf Maßnahmen, die in einem Fachgebiet meist unnötig sind [17]. Das ist besonders nützlich, um Überdiagnostik zu vermeiden.

Praktische Suchtipps

  1. Im Register suchen, nicht in der Suchmaschine. Suchmaschinen zeigen oft alte PDFs auf Drittseiten. Das NVL-Programm weist ausdrücklich darauf hin, dass nur die Dokumente auf den offiziellen Seiten autorisiert sind [5].
  2. Kurzfassung zuerst. Die meisten S3-Leitlinien und NVL haben Kurzfassungen mit allen Empfehlungen. Den Hintergrundtext liest man dann gezielt für die Begründung.
  3. Leitlinienreport bei Unklarheiten. Dort stehen Methodik, Konsensstärken und Interessenkonflikte.
  4. Bei ESC-Leitlinien die Empfehlungstabellen nutzen. Sie stehen am Ende jedes Kapitels mit Klasse und Evidenzgrad.
  5. Nationale und europäische Leitlinie vergleichen. Weichen sie ab, liegt das oft an Zulassung, Versorgungsstruktur oder am Erscheinungsjahr.
  6. Datum notieren. Wer eine Empfehlung zitiert, etwa im Arztbrief, in der Hausarbeit oder in der Fallvorstellung, sollte Version und Stand dazuschreiben.

Fazit

Für Deutschland ist das AWMF-Register der Ausgangspunkt. Bei häufigen Erkrankungen kommen die NVL hinzu, für die Allgemeinmedizin die DEGAM. Europäische Leitlinien von ESC, ERS, ESCMID, EASL oder ESO setzen oft den fachlichen Standard. In Österreich führen gemeinsame AWMF-Leitlinien, BQLL und das Evidenzbasierte Ärzteinformationszentrum weiter, in der Schweiz Guidelines Schweiz, die SSI und smarter medicine. Klasse, Empfehlungsgrad und Gültigkeitsdatum gehören zu jeder Empfehlung dazu.

Wer eine konkrete klinische Frage hat, kann sie auch an Medelix stellen. Die Antworten nennen ihre Quellen, sodass sich die zugrunde liegende Leitlinie direkt im Original prüfen lässt.

Quellen

  1. DGP, PEG, DGI u. a. S3-Leitlinie Behandlung von erwachsenen Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie – Update 2021. AWMF-Register-Nr. 020-020. register.awmf.org
  2. AWMF. Regelwerk Leitlinien: Stufenklassifikationen. awmf.org
  3. AWMF. Regelwerk Leitlinien: Stufenklassifikation nach Systematik. awmf.org
  4. AWMF. Regelwerk Leitlinien: Planung der Aktualisierung. awmf.org
  5. Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien. Methodenreport, Version 6.0. 2024. register.awmf.org
  6. Programm für Nationale VersorgungsLeitlinien. Startseite und Meldung „Programm für Nationale Versorgungsleitlinien neu gestartet“, 20.10.2025. leitlinien.de
  7. Deutsches Ärzteblatt. Arbeit an Nationalen Versorgungsleitlinien wieder angelaufen. 23.10.2025. aerzteblatt.de
  8. European Society of Cardiology. Clinical Practice Guidelines. escardio.org
  9. Tantawy M, Marwan M, Hussien S, et al. The scale of scientific evidence behind the current ESC clinical guidelines. Int J Cardiol Heart Vasc. 2023;45:101175. PMC10105211
  10. de With K, Allerberger F, Amann S, et al. Strategies to enhance rational use of antibiotics in hospital: a guideline by the German Society for Infectious Diseases. Infection. 2016;44:395–439. doi:10.1007/s15010-016-0885-z
  11. Gesundheit Österreich GmbH. Evidenz und Qualitätsstandards. goeg.at
  12. BMSGPK. Bundesqualitätsleitlinie Präoperative Diagnostik (BQLL PRÄOP), Fortschreibung 2023. PDF
  13. Evidenzbasiertes Ärzteinformationszentrum, Cochrane Österreich, Universität für Weiterbildung Krems. ebminfo.at
  14. Dachverband der österreichischen Sozialversicherungsträger. Erstattungskodex (EKO). sozialversicherung.at
  15. FMH / SAQM. Guidelines Schweiz. guidelines.fmh.ch
  16. Schweizerische Gesellschaft für Infektiologie. Guidelines. sginf.ch
  17. smarter medicine – Choosing Wisely Switzerland. Top-5-Listen. smartermedicine.ch

Weiterlesen

Dieser Artikel dient der Information von Fachkreisen und ersetzt keine ärztliche Beurteilung. Maßgeblich sind die verlinkten Originalquellen. So entstehen unsere Inhalte.