Alkoholbezogene Störungen / Wernicke-Enzephalopathie

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Ein 52-jähriger Mann mit bekannter Alkoholabhängigkeit wird von Nachbarn verwirrt in seiner Wohnung aufgefunden. Er ist desorientiert, hat einen breitbasigen, unsicheren Gang und einen horizontalen Blickrichtungsnystagmus. Er wirkt kachektisch. Die Atemalkoholkonzentration ist 0,0 ‰, der kapilläre Blutzucker beträgt 48 mg/dl. Ein venöser Zugang liegt.

Welches Vorgehen ist jetzt am ehesten angezeigt?

Lösung und Erklärung

Richtige Antwort: E. Thiamin parenteral, vor oder spätestens zusammen mit der Glukosegabe

Verwirrtheit, Ataxie und Nystagmus bei einem mangelernährten alkoholabhängigen Patienten sind typisch für eine Wernicke-Enzephalopathie infolge Thiaminmangels (die klassische Trias ist allerdings nur selten vollständig). Zusätzlich liegt eine Hypoglykämie vor, die behandelt werden muss. Glukose steigert aber den Thiaminverbrauch und kann eine Wernicke-Enzephalopathie auslösen oder verschlechtern. Die S3-Leitlinie zu alkoholbezogenen Störungen fordert deshalb, jede parenterale Glukosegabe bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit mit einer parenteralen Thiamingabe zu kombinieren; Thiamin soll vor oder spätestens mit der Glukose gegeben werden. Bei Bewusstseinsstörung oder Erbrechen wird Thiamin initial parenteral (i.v. oder i.m.) verabreicht. Die Glukosegabe soll dadurch nicht verzögert werden: Beide Medikamente werden praktisch gleichzeitig gegeben. Eine Sedierung mit Haloperidol oder Clomethiazol behandelt die Ursache nicht. Flumazenil ist ohne konkreten Hinweis auf Benzodiazepine nicht indiziert und kann Krampfanfälle auslösen.

Die Antwortoptionen im Einzelnen

  • A. Glukose 40 % i.v.; Thiamin nur, falls die Verwirrtheit nach Normalisierung des Blutzuckers fortbestehtFalsch: Glukose ohne Thiamin kann bei Thiaminmangel eine Wernicke-Enzephalopathie auslösen oder verschlechtern; Thiamin gehört vor bzw. zur Glukose.
  • B. Haloperidol 5 mg i.v. zur Behandlung der VerwirrtheitFalsch: Haloperidol behandelt weder die Hypoglykämie noch den Thiaminmangel und kann die Krampfschwelle senken.
  • C. Flumazenil i.v. zum Ausschluss einer BenzodiazepinintoxikationFalsch: Es gibt keinen Hinweis auf eine Benzodiazepinintoxikation; Flumazenil kann zudem Krampfanfälle provozieren.
  • D. Clomethiazol p.o. zur Behandlung eines AlkoholentzugsdelirsFalsch: Ein Entzugsdelir erklärt die Hypoglykämie nicht; vorrangig sind Thiamin und Glukose.
  • E. Thiamin parenteral, vor oder spätestens zusammen mit der GlukosegabeRichtig: Bei Alkoholabhängigkeit wird Glukose parenteral nur zusammen mit Thiamin gegeben, und zwar vor oder spätestens gleichzeitig mit der Glukose.

Merke

Bei Alkoholabhängigen wird Glukose nie ohne Thiamin gegeben: Thiamin parenteral vor oder spätestens zusammen mit der Glukose.

Aus der Quelle

„Wenn bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit eine parenterale Glukosegabe erfolgt, soll diese mit einer parenteralen Thiamin-Applikation kombiniert werden.“

Quellen

  1. S3-Leitlinie Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen (aktualisierte Version 2020, Gültigkeit verlängert 2025). DGPPN/DG-Sucht, AWMF-Registernr. 076-001.

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