Paracetamol-Intoxikation

SIP · KPJ · M2Schwierigkeit: mittelZuletzt aktualisiert:

Eine 19-jährige Frau (55 kg) wird 4 Stunden nach der einmaligen Einnahme von 20 Tabletten Paracetamol à 500 mg (insgesamt 10 g) in die Notaufnahme gebracht. Sie ist wach und leicht übel, sonst beschwerdefrei. Die Vitalparameter sind unauffällig.

Labor 4 Stunden nach Einnahme: Paracetamol im Plasma 210 mg/l. ALT, INR und Kreatinin im Normbereich.

Welche Maßnahme ist jetzt die wichtigste?

Lösung und Erklärung

Richtige Antwort: D. Sofortige intravenöse Gabe von N-Acetylcystein

Die Patientin hat etwa 180 mg/kg Paracetamol eingenommen (10 g bei 55 kg). Ein 4-Stunden-Spiegel von 210 mg/l liegt über der britischen Behandlungslinie, die seit 2012 für alle akuten Überdosierungen einheitlich bei 100 mg/l nach 4 Stunden liegt. Er liegt auch über der klassischen Rumack-Matthew-Linie (150 mg/l nach 4 Stunden). Damit ist N-Acetylcystein (NAC) intravenös indiziert, und zwar unverzüglich. NAC füllt die Glutathionspeicher auf und ist am wirksamsten, wenn es früh gegeben wird, vor allem innerhalb von etwa 8 Stunden nach der Einnahme. Normale Transaminasen und INR in den ersten Stunden schließen eine spätere schwere Leberschädigung nicht aus, denn die Hepatotoxizität zeigt sich typischerweise erst nach 24–72 Stunden. Aktivkohle ist im Wesentlichen innerhalb der ersten Stunde sinnvoll und ersetzt NAC nicht. Eine Hämodialyse ist nur in Ausnahmefällen mit sehr hohen Spiegeln und metabolischer Azidose bzw. Bewusstseinsstörung angezeigt. Bei gestaffelter Einnahme oder unbekanntem Einnahmezeitpunkt wird nach britischem Vorgehen ebenfalls behandelt.

Die Antwortoptionen im Einzelnen

  • A. Überwachung ohne spezifische Therapie, da Transaminasen und INR normal sindFalsch: Die Leberwerte steigen erst nach 24–72 Stunden. Normale Frühwerte schließen eine Hepatotoxizität nicht aus.
  • B. Aktivkohle als alleinige MaßnahmeFalsch: Aktivkohle ist vor allem innerhalb der ersten Stunde wirksam und ersetzt nie das Antidot bei einem Spiegel über der Behandlungslinie.
  • C. Spiegel nach 12 Stunden kontrollieren und erst bei ALT-Anstieg behandelnFalsch: Auf einen ALT-Anstieg zu warten vergeudet das Zeitfenster, in dem NAC am besten schützt.
  • D. Sofortige intravenöse Gabe von N-AcetylcysteinRichtig: Der 4-Stunden-Spiegel liegt über der Behandlungslinie, daher ist sofort NAC i.v. indiziert.
  • E. Notfall-HämodialyseFalsch: Eine Dialyse ist nur ausnahmsweise bei massiven Spiegeln mit Azidose oder Koma angezeigt, nicht bei dieser wachen, stabilen Patientin.

Merke

Liegt der Paracetamolspiegel 4 Stunden nach akuter Einnahme über der Behandlungslinie, wird sofort NAC i.v. gegeben, unabhängig von noch normalen Leberwerten.

Aus der Quelle

„First to use a single lower ‘100 mg l−1’ line on the nomogram for all patients with acute overdose and to stop assessing risk factors in deciding their need for treatment“

Quellen

  1. Bateman DN et al. Effect of the UK's revised paracetamol poisoning management guidelines on admissions, adverse reactions and costs of treatment. Br J Clin Pharmacol. 2014;78:610–618.

Originale Übungsfragen, von Medelix auf Grundlage der zitierten Quellen verfasst — keine offiziellen oder ehemaligen Prüfungsfragen (IMPP, MedUni, ÖÄK o. a.). Nur zu Lernzwecken; ersetzt keine ärztliche Beurteilung. So entstehen unsere Prüfungsfragen.