Anaphylaxie
SIP · KPJ · Allgemeinmedizin · M2 · M3Schwierigkeit: leichtZuletzt aktualisiert:
Eine 34-jährige Frau (70 kg) wird bei der Gartenarbeit von einer Wespe gestochen. Zehn Minuten später ist sie am ganzen Körper urtikariell, klagt über Engegefühl im Hals, hat einen hörbaren inspiratorischen Stridor und ist schwindelig. Der eintreffende Notarzt misst RR 85/50 mmHg, Puls 128/min, SpO₂ 91 % unter Raumluft. Sie ist wach und ansprechbar.
Welche medikamentöse Erstmaßnahme ist am dringlichsten?
Lösung und Erklärung
Richtige Antwort: D. Adrenalin 0,5 mg (1 mg/ml) i.m. in die Außenseite des Oberschenkels
Die Patientin hat eine schwere Anaphylaxie mit Atemwegsbeteiligung (Stridor) und Kreislaufreaktion (Hypotonie, Tachykardie). Mittel der ersten Wahl ist laut S2k-Leitlinie Anaphylaxie 2021 (DGAKI u. a., mit der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie, ÖGAI) die sofortige intramuskuläre Gabe von Adrenalin in die Außenseite des Oberschenkels, beim Erwachsenen 0,3–0,6 mg der unverdünnten Lösung 1 mg/ml. Ohne Wirkung kann die Injektion nach 5–10 Minuten wiederholt werden. Die i.m.-Gabe wirkt rasch und hat ein deutlich geringeres Risiko schwerer kardialer Nebenwirkungen als die i.v.-Gabe. Intravenöses Adrenalin ist dem schweren Schock vorbehalten, wenn i.m. nicht möglich ist, und wird dann verdünnt (1:10.000) und titriert (ca. 1 µg/kg) gegeben; 1 mg als Bolus ist die Reanimationsdosis. Antihistaminika und Glukokortikoide werden erst nach Stabilisierung der Vitalfunktionen gegeben und dürfen Adrenalin, Sauerstoff und Volumen nie verzögern. Inhalatives Adrenalin oder Salbutamol sind nur additiv.
Die Antwortoptionen im Einzelnen
- A. Dimetinden 4 mg i.v. und Prednisolon 250 mg i.v., Adrenalin nur bei KreislaufstillstandFalsch: H1-Antihistaminika und Kortikoide wirken langsam, sind nachrangig und dürfen die Adrenalingabe nicht verzögern.
- B. Adrenalin 1 mg (1 mg/ml, unverdünnt) als i.v. BolusFalsch: 1 mg unverdünnt i.v. ist die Reanimationsdosis; bei erhaltenem Kreislauf droht eine schwere Rhythmusstörung oder hypertensive Krise. I.v. wird nur verdünnt und titriert gegeben.
- C. Salbutamol-Inhalation über Vernebler als alleinige TherapieFalsch: Inhalative Bronchodilatatoren sind nur Ergänzung; sie behandeln weder das Larynxödem noch den Schock ausreichend.
- D. Adrenalin 0,5 mg (1 mg/ml) i.m. in die Außenseite des OberschenkelsRichtig: Adrenalin i.m. (0,3–0,6 mg beim Erwachsenen) in den lateralen Oberschenkel ist die Erstlinientherapie und kann nach 5–10 min wiederholt werden.
- E. Adrenalin 0,5 mg subkutan in den OberarmFalsch: Die Leitlinie empfiehlt die intramuskuläre Injektion in die Außenseite des Oberschenkels – nicht die subkutane Gabe in den Oberarm.
Merke
Bei Anaphylaxie ohne Reanimationspflicht ist Adrenalin i.m. (Erwachsene 0,3–0,6 mg, 1 mg/ml) in den lateralen Oberschenkel die erste und wichtigste Maßnahme.
Aus der Quelle
„In patients not requiring resuscitation, immediate intramuscular administration of adrenaline at a dose of 0.15–0.6 mg to the outside of the upper thigh is the pharmacological treatment of first choice.“