Psychische und neurokognitive Erkrankungen und Diabetes mellitus (Update 2026)
ÖDG · 2026 · Österreich
Quelle und Lizenz
- Autorinnen und Autoren
- Heidemarie Abrahamian, Alexandra Kautzky-Willer, Angelika Rießland-Seifert et al.
- Titel
- Psychische und neurokognitive Erkrankungen und Diabetes mellitus (Update 2026)
- Zeitschrift
- Wiener Klinische Wochenschrift, 2026
- Lizenz
- CC BY 4.0
- Änderungen
- Auszüge im Originalwortlaut, Formatierung angepasst
Volltext abgerufen am 2026-10-27 aus Europe PMC · PMC13190436
Lizenzhinweis der Originalpublikation
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Im Originalwortlaut, mit Empfehlungsgrad oder Konsensstärke, soweit angegeben.
1.14 Empfehlungen
- Die Erhebung des psychosozialen Status sollte als essenzieller Bestandteil in die Betreuung diabetischer Patient:innen eingeführt werden. Dieser umfasst Lebenssituation und Lebensqualität, Stimmung, Einstellung zur Erkrankung, Erwartungen im Hinblick auf Krankheitsverlauf und Therapie, Verfügbarkeit von Ressourcen und andere.
- Darüber hinaus sollten alle Patient:innen mit Diabetes mellitus einmal jährlich auf das Vorliegen folgender psychischer Erkrankungen gescreent werden: diabetesspezifischer Stress („diabetes distress“), Depression, Angststörung und Essstörung. Vor allem in bestimmten kritischen Phasen im Krankheitsverlauf wie Erstmanifestation, dem Auftreten von Akut- oder Langzeitkomplikationen oder bei relevanten Therapieumstellungen soll ein Screening erfolgen. Ein jährliches Screening auf kognitive Dysfunktion und Demenz empfiehlt sich bei Patient:innen über 65 Jahre.
- Bei psychisch kranken Patient:innen mit antipsychotischer oder antidepressiver Therapie ist die Erhebung kardiovaskulärer und metabolischer Risikofaktoren zu Beginn der Therapie und im Verlauf sinnvoll [1, 2, 5, 21, 76–78]. Folgende Screening- und Monitoring-Empfehlung hat sich in der Praxis bewährt: zumindest einmal jährliches Screening im Hinblick auf die Risikofaktoren Diabetes mellitus, Dyslipidämie, viszerale Adipositas und Hypertonie. Messungen von Blutdruck, Bauchumfang und Gewicht sollten einen Monat nach Beginn der Therapie mit Psychopharmaka und anschließend in Abständen von 3 bis 6 Monaten durchgeführt werden. Die Messung des HbA1c ist in 3‑monatigen Abständen sinnvoll. Bestimmungen von Prolaktin im Serum sind bei für Hyperprolaktinämie prädisponierender Psychopharmakatherapie ein- bis zweimal jährlich empfehlenswert ([34, 35]; Tab. 3). Schulungen für diese spezielle Patientengruppe sollten angeboten werden. Die prophylaktische Etablierung einer niedrig dosierten Metformin-Therapie ist bei ungünstiger Entwicklung in Richtung metabolisches Syndrom unter Psychopharmakatherapie in Erwägung zu ziehen, bedeutet jedoch einen „Off-Label“-Einsatz.
- Diese Screening- und Monitorleitlinie sowie therapeutische Interventionen wie Umstellung der Ernährung, regelmäßige körperliche Bewegung, Motivation zu Tabak- und Alkoholkarenz sollen in interdisziplinärer Kooperation zwischen Allgemeinmedizinern, Internisten, Endokrinologen und Psychiatern umgesetzt werden.
- Die antihyperglykämische Therapie sollte prinzipiell auch bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und komorbider psychischer oder neurokognitiver Erkrankung entsprechend den Leitlinien der ÖDG umgesetzt werden (s. Kapitel Antihyperglykämische Therapie bei Typ-2-Diabetes). Insgesamt ist die Studienlage zu antihyperglykämischer Therapie in dieser Patientengruppe spärlich. Wie bereits oben beschrieben, kann bei viszeraler Adipositas und anderen Parametern des metabolischen Syndroms unter antipsychotischer Therapie der frühe Einsatz von Metformin (vor Diabetesmanifestation) in Erwägung gezogen werden. Die sehr gute Wirkung von GLP-1-Rezeptoragonisten auf Blutzucker, Gewicht und Lipide bei Menschen mit Typ-2-Diabetes und psychischer Komorbidität wird in mehreren Studien bestätigt [78–80]. Eine Analyse zeigte, dass die Behandlung mit GLP-1-Rezeptoragonisten bei antipsychotisch therapierten Patient:innen mit Schizophrenie im Vergleich zur Kontrollgruppe sicher und wirksam in Bezug auf kardiometabolische Parameter ist [81]. Hinsichtlich weiterer positiver Wirkungen auf das Gehirn und die Psyche gibt es vielversprechende Ergebnisse sowohl für GLP-1- als auch für duale GLP-1/GIP-Rezeptoragonisten. Fakt ist, dass bei Typ-2-Diabetes und Adipositas durch erhöhte Bildung reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) und subklinische Inflammation die Entwicklung von zentraler Neuroinflammation und zerebralem oxidativem Stress gefördert wird. Beide gelten unter anderen als wesentliche Merkmale der Neuropathologie von Morbus Alzheimer [82]. Derzeit werden neuroprotektive und antiinflammatorische Wirkungen von GLP-1- und dualen GLP-1/GIP-Rezeptoragonisten, die potenziell bei neuropsychiatrischen Erkrankungen wie Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson von Nutzen sein könnten, intensiv erforscht [40]. Für SGLT-2-Hemmer liegen zur Anwendung bei psychisch kranken Menschen keine spezifischen Daten vor. Die Frage nach einer möglicherweise kumulativen Inzidenz von Ketoazidosen durch die Kombination von SGLT-2-Hemmern und Antipsychotika (beide Pharmaka weisen eine erhöhte Inzidenz für Ketoazidosen auf) kann derzeit nicht beantwortet werden [83]. DPP4-Hemmer und Glitazone sollen entsprechend den Leitlinien der ÖDG eingesetzt werden. Komplexe Insulintherapien können bei bestimmten psychischen Erkrankungen zur Überforderung und konsekutiv zu hyperglykämischen Entgleisungen führen.
Zusammenfassung
Diabetes mellitus ist häufig mit psychischen Erkrankungen assoziiert. Depressive Störungen kommen bei Patient:innen mit Diabetes doppelt so häufig vor wie in der nichtdiabetischen Population. Andere psychische Erkrankungen, die gehäuft mit Prädiabetes und Diabetes mellitus auftreten, sind kognitive Dysfunktionen bis zur Demenz, auffälliges Essverhalten, Angststörungen, Schizophrenie, bipolare Störungen, Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) und emotional instabile Persönlichkeitsstörungen. Die ungünstigen Auswirkungen dieser Komorbiditäten auf den Stoffwechsel sind nachhaltig und manifestieren als schlechtere metabolische Kontrolle und vermehrte mikro- und makroangiopathische Komplikationen. Ziel dieses Positionspapieres ist die Sensibilisierung aller involvierten medizinischen Fachkolleg:innen sowie aller anderen mit dem Thema Diabetes befassten Berufsgruppen und Organisationen, um eine Intensivierung der komplexen therapeutischen Interventionen bei betroffenen Patient:innen zu erreichen. Positive Auswirkungen wären zum einen eine geringere Inzidenz von Diabetes mellitus bei Patient:innen mit psychischen Erkrankungen und zum anderen eine Reduktion diabetesspezifischer Folgeerkrankungen – insbesondere der kardiovaskulären Morbidität und Mortalität – sowie eine verbesserte Lebensqualität bei Menschen mit Diabetes und komorbider psychischer Erkrankung.
Inhalt der Originalpublikation
Die Kapitelüberschriften des Originals.
- 1.1 Einleitung
- 1.2 „Diabetes distress“
- 1.3 Depression
- 1.3.1 Klinisch-psychologische und psychotherapeutische Interventionen
- 1.3.2 (Psycho)pharmakologische Behandlung
- 1.3.3 Lebensstilmodifikation
- 1.4 Angststörungen
- 1.5 Essstörungen
- 1.6 Aufmerksamkeitsdefizit‑/Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
- 1.7 Emotional instabile Persönlichkeitsstörung
- 1.8 Schizophrene und bipolare Erkrankungen
- 1.9 Neurokognitive Störungen
- 1.10 Psychopharmaka und Stoffwechsel
- 1.11 Compliance – Adhärenz – Konkordanz
- 1.12 Diabetes und Selbstgefährdung
- 1.13 Diabetesschulungen, klinisch-psychologische und psychotherapeutische Begleitung
- 1.14 Empfehlungen
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