Leitlinie S1 für das Management postviraler Zustände am Beispiel Post-COVID-19

Wiener klinische Wochenschrift · 2023 · Österreich

Quelle und Lizenz

Autorinnen und Autoren
Susanne Rabady, Kathryn Hoffmann, Martin Aigner et al.
Titel
Leitlinie S1 für das Management postviraler Zustände am Beispiel Post-COVID-19
Zeitschrift
Wiener Klinische Wochenschrift, 2023
Lizenz
CC BY 4.0
Änderungen
Auszüge im Originalwortlaut, Formatierung angepasst

Volltext abgerufen am 2026-10-27 aus Europe PMC · PMC10504206

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Empfehlungen

Im Originalwortlaut, mit Empfehlungsgrad oder Konsensstärke, soweit angegeben.

Überblick

  • Die Erstabklärung nach guter hausärztlicher Praxis (s. Differenzialdiagnostik, Kapitel 10 und 11.1) mit Veranlassung gezielter spezialistischer Abklärung im Bedarfsfall (z. B. Verdacht auf kardiale Erkrankung) ermöglicht Bestätigung oder Ausschluss organisch-struktureller und/oder psychiatrischer Erkrankungen und damit deren zeitgerechte Behandlung.
  • Die hausärztliche Erstabklärung ermöglicht die Einschätzung von notwendiger begleitender sozialer, psychischer oder ergotherapeutischer Unterstützung.
  • Sie ermöglicht die frühe korrekte Behandlung von Symptomen, die ursächlich der abgelaufenen Infektion mit SARS-CoV‑2 zugeordnet werden konnten, aber primär keinen organisch-strukturellen Schäden zugeordnet werden können: Eine kausale Therapie ist hier zwar noch nicht möglich, symptomatisch kann den Patient:innen jedoch oft bereits von Anfang an geholfen werden. Behandlungsoptionen sind Maßnahmen zu Pacing (siehe 12.2.1) und Coping (siehe 12.2.2) bei Symptomen von Fatigue mit Zeichen einer Post-Exertional-Malaise (PEM) oder PEM alleine, Aktivierungstherapie bei Fatigue ohne PEM/PESE (siehe 12.2.2) sowie die symptomatische Therapie postviraler Zustände (siehe 12.3.3). Erstlinientherapie im Regelfall meist nicht-medikamentös (siehe 12.1.1). Zweitlinie: medikamentöse Optionen siehe 12.1.3 Wie bei Beschwerden anderer Art ohne derzeit noch gesichert nachweisbare alternative Ursache liegt der Schwerpunkt der multiprofessionellen Versorgung auf Kommunikation, Selbstwirksamkeit und kontinuierlicher individualisierter symptomatischer Betreuung, die ebenfalls im primärversorgenden Bereich geleistet werden kann [18, 302].
  • Eine kausale Therapie ist hier zwar noch nicht möglich, symptomatisch kann den Patient:innen jedoch oft bereits von Anfang an geholfen werden.
  • Behandlungsoptionen sind Maßnahmen zu Pacing (siehe 12.2.1) und Coping (siehe 12.2.2) bei Symptomen von Fatigue mit Zeichen einer Post-Exertional-Malaise (PEM) oder PEM alleine, Aktivierungstherapie bei Fatigue ohne PEM/PESE (siehe 12.2.2) sowie die symptomatische Therapie postviraler Zustände (siehe 12.3.3). Erstlinientherapie im Regelfall meist nicht-medikamentös (siehe 12.1.1).
  • Zweitlinie: medikamentöse Optionen siehe 12.1.3
  • Wie bei Beschwerden anderer Art ohne derzeit noch gesichert nachweisbare alternative Ursache liegt der Schwerpunkt der multiprofessionellen Versorgung auf Kommunikation, Selbstwirksamkeit und kontinuierlicher individualisierter symptomatischer Betreuung, die ebenfalls im primärversorgenden Bereich geleistet werden kann [18, 302].
  • Das Monitoring von Symptomverläufen, v. a. wenn eine Beeinträchtigung des alltäglichen Lebens besteht (z. B. Post-COVID-19-Skala des funktionellen Status, „Klok-Skala“ Abb. 8), und eine Re-Evaluierung, wenn die Symptome anhaltend sind, können Verschleppung von Symptomen und eine (iatrogene) Chronifizierung verhindern (s. dazu Kap. 12).
  • Kooperationspartner:innen (situationsabhängig): Viele Patient:innen profitieren von einer frühzeitigen Einbindung weiterer Gesundheits- und Sozialberufe wie Ergotherapie oder soziale Arbeit, da sich bei anhaltenden Symptomen soziale und existenzielle Probleme (u. a. durch Folgen auf die Teilhabe im Kontext von Erwerbsarbeit, Familie und sozialem Netzwerk) verstärken oder manifestieren können. Schwere oder protrahierte Verläufe erfordern jedenfalls die Beiziehung spezialisierter ärztlicher oder nicht-ärztlicher Expertise (niedergelassener Bereich, ambulante Spezialeinrichtungen, interprofessionelle Telekommunikation).

9.2.1.2 Weiterleitung zur Abklärung möglicher alternativer Ursachen (Details in Kapitel 10 und 11)

  • Elektiv und gezielt, wenn sich aus der Erstabklärung im hausärztlichen Bereich die Notwendigkeit spezialisierter Untersuchungen ergibt (entsprechend den gültigen Leitlinien)
  • Bei Notwendigkeit einer Behandlung im spezialisierten Bereich inklusive Gesundheitsberufe (entsprechend den gültigen Leitlinien)

9.2.1.3 Weiterleitung nach Ausschluss alternativer Ursachen und erhärtetem Verdacht auf postvirale Genese

  • „Yellow Flags“ (mehrere ausgeprägte Symptome – v. a. gleichzeitige physische und mentale/soziale Probleme), anhaltende Symptome nach schwerem Verlauf (Post-ICU), atypische Symptomatik, schwere Funktionsbehinderung (mangelnde Arbeitsfähigkeit, Alltag nicht bewältigbar)
  • Ausbleibende Besserung der Symptome im Verlauf von 12 Wochen nach Erkrankungsbeginn

Empfohlen als Voraussetzung für die Weiterleitung sind jedenfalls folgende Dokumente, die der Patient:in mitgegeben werden:

  • Kurzer Arztbrief mit Anamnese, Symptomverlauf, aktuell vorherrschende Symptome, Komorbiditäten, Vorbefunde, Therapieversuche und Erfolge/Misserfolge, aktuelle Medikationsliste
  • Aktueller Schellong-Test (Abb. 2)
  • Aktuelle Einstufung der Beeinträchtigungsintensität bei alltäglichen Aktivitäten sowie deren Verlauf über die Wochen (FAS und Klok-Skala – Abb. 9 bzw. Abb. 8)
  • Aktueller PEM-Fragebogen [312]

Mögliche Organisationsformen

  • Extra- oder intramurale ambulante Anlaufstellen für Patient:innen mit der Möglichkeit zur weiterführenden Abklärung
  • Telemedizinische Services zur interprofessionellen Konsultation, evtl. in Form von Panels
  • Als weitere Ebene für schwere Erscheinungsformen sollte die Einrichtung von Kompetenzzentren oder multidisziplinären Boards für postinfektiöse Erkrankungen erwogen werden, wo Forschung und Wissenschaftstransfer vorangebracht werden könnten und auch einzelne, den Bedürfnissen speziell angepasste stationäre Betten zur Verfügung stehen.

12.2.3 Coping

  • Empfehlung von verlässlichen und Warnung vor unzuverlässigen Internetquellen.

Zusammenfassung

Die vorliegende Leitlinie S1 ist die Aktualisierung und Weiterentwicklung der Leitlinie S1 Long COVID: Differenzialdiagnostik und Behandlungsstrategien. Sie fasst den Stand der Kenntnis zu postviralen Zuständen anhand des Beispiels Long/Post COVID zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses zusammen. Aufgrund der starken Dynamik der Wissensentwicklung versteht sie sich als „living guideline“. Der Schwerpunkt liegt auf der praktischen Anwendbarkeit auf der Ebene der hausärztlichen Primärversorgung, die als geeignete Stelle für den Erstzutritt und für die primäre Betreuung und Behandlung verstanden wird. Die Leitlinie gibt Empfehlungen zum Versorgungsgang, zu Differenzialdiagnostik der häufigsten Symptome, die in der Folge einer Infektion wie mit SARS-CoV‑2 auftreten können, zu therapeutischen Optionen, zu Patient:innenführung und -betreuung sowie zur Wiedereingliederung in den Alltag und zur Rehabilitation. Entsprechend des Krankheitsbildes ist die Leitlinie in einem interdisziplinären und interprofessionellen Prozess entstanden und gibt Empfehlungen zu Schnittstellen und Kooperationsmöglichkeiten.

Inhalt der Originalpublikation

Die Kapitelüberschriften des Originals.

  • 1. Einleitung
  • 1.1 Präambel
  • 1.2 Allgemeines
  • 2. Zielsetzung der Leitlinie
  • 3. Aufbau
  • 4. Definition „Long COVID“
  • Weitere wichtige und häufig verwendete Definitionen
  • 5. Epidemiologie und Bedeutung
  • 6. Symptomatik
  • 7. Pathomechanismen – Was ist bekannt?
  • 7.1 Spezielle Aspekte
  • 7.2 Zusammenfassung
  • 8. Organsysteme – Übersicht: Leitsymptome und Krankheitsbilder
  • 8.1 Pneumologie/Infektiologie
  • 8.2 Kardiologie
  • 8.3 Neurologie
  • 8.4 Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde
  • 8.5 Dermatologie
  • 8.6 Psychiatrie
  • 8.7 Kinder
  • 8.8 Immunologie: immunologische Dysfunktion, Immunopathien
  • 8.9 Postvirale Fatigue
  • 8.10 Dysfunktionen des autonomen Nervensystems (ANS)
  • 9. Versorgungsweg postvirale Erkrankungen am Beispiel der SARS-CoV-2-Infektion
  • 9.1 Vorbemerkungen
  • 9.2 Empfehlungen zum österreichischen Versorgungspfad
  • 10. Präsentiersymptome – Grundlagen der Differenzialdiagnostik
  • Empfehlung
  • 10.1 Systematik des diagnostischen Ablaufs (Zuordnung)
  • 10.2 Diagnostische Zielsetzungen
  • 11. Symptombezogene Abklärungsgänge: häufige Präsentiersymptome
  • 11.1 Erschöpfung (Müdigkeit/Fatigue/Leistungsminderung/Schwäche)
  • 11.2 Riech- und Schmeckstörungen
  • 11.3 Kopfschmerz
  • 11.4 Dyspnoe
  • 11.5 Husten
  • 11.6 Thorakale Beschwerden
  • 11.7 Störungen der Hirnleistung
  • 11.8 Schwindel („Vertigo“, „Dizziness“)
  • 11.9 Kreislauflabilität
  • 11.10 Schlafstörung
  • 11.11 Nerven- und Muskelaffektionen
  • 12. Behandlung
  • 12.1 Übersicht
  • 12.2 Allgemeinmaßnahmen im Detail
  • 12.3 Spezielle Behandlungsansätze im Detail
  • 13. Nachsorge und Rehabilitation
  • 13.1 Allgemeines
  • 13.2 Wiedereingliederung im hausärztlichen Setting
  • 13.3 Rehabilitation

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